Ansprache für Volkmar Deile am 22. Mai 2020

Sein letzter Weg

Sieben Wochen ist es jetzt her, dass Volkmars Weg endete – sein Weg der treuen Begleitung, den er im Angesicht Deiner Leiden, Monika, und der trotz der vielen Behandlungen so mangelnden Erfolge immer weitergegangen war unter Zurückstellen seines eigenen Zustandes. Eine intensivere Untersuchung seiner selbst mit aufwändigen Behandlungen auch noch für ihn selbst hätte ihn, wie er wohl zurecht ahnte, seinen Weg nicht weiter gehen lassen. Dass er mit dem eigenen Tod enden könnte, das hatte er gar nicht denken können und nicht wollen. Auf Wiedersehen in diesem Leben waren seine letzten Worte beim Transport ins Krankenhaus.
Er möchte M. nicht weggeben, und er möchte sie nicht verlieren, hatte er gesagt, als wir vor zwei Jahren an einem märkischen Seeufer saßen. Davon weißt Du, M. sein Ä., vielmehr. So ist er seinen, Euren Weg bis zum seinem Ende gegangen – Euren Weg, der in eurer Jugendzeit begann über die Freundschaft mit Dir, V. und in über fünfzig Jahren Ehe und Familie mit Euch Vieren führte.

Sein Wirken
Volkmar war ein strategisch-politischer Kopf - schon an der KiHo (die „Deile-Gruppe“) und im Vikariat. Er war ein herausragender Verfechter einer engagierten politischen Arbeit in Gruppen von unten her, ein strategischer Denker im Sinne der Arbeit von NGOs in der Zivilgesellschaft. Ihr kennt ja die zahlreichen Anzeigen von Gruppen und Organisationen zu seinem Tod ... Er hatte stets ein waches Auge für die Unabhängigkeit der zivilgesellschaftlichen Arbeit und einen markanten, auch zum Streit bereiten Willen für Gerechtigkeit und Frieden.
Seine erste feste Stelle bei ASF brachte ihm viel Neues und Gelegenheit zur Bewährung. Neu waren die Themen um Israel: Dessen heutige Gesellschaft, die damalige Auswanderung und die Staatsgründung, die heutige jüdische Theologie, die Dimensionen von Shalom und Gerechtigkeit im biblischen ersten Testament.
Und die Nähe zu den Freiwilligen! Volkmar war immer eine strategische Autorität mit einem ansagenden Habitus und doch zugleich ganz unprätentiös – das überzeugte jüngere Freiwillige. Eine freundschaftliche verehrende Verbundenheit ist da geblieben, eine der möglichen Gestalten einer christlichen Gemeinde!
Einmal stellte jemand fragend fest: Aber in der Gemeinde war Volkmar nie? Bei Kirchens ist sowas ein kleiner Makel - ein, zwei Jahre Gemeinde dagagen schon ein Alibi. Heute könnte ich antworten: Aber bei Sühnezeichen war Volkmar!
Besonders belastend war für ihn die Arbeit bei Amnesty, diese unzähligen grausamen Folterberichte, die abstoßenden Allüren der Mächtigen, die prinzipienlose Glätte mancher Politiker, mit denen er verhandeln musste. Die Amnesty-Zeit war ihm sehr nahe gegangen. Idee und Konzept der Menschenrechte aber blieb als neues Projekt, und mit ihm ein weiterer Kreis von Freundschaften.

Volkmar
Für Euch zu Hause als Kinder und Jugendliche lief manches davon eher am Rande mit. Direkt ausgewirkt hatten sich für Euch die beruflich bedingten Wohnungswechsel: Berlin, Genf, Köln, Berlin. Ihr habt in Erinnerung die Friedensfestivals von ASF in Beienrode, die immer auch ein Kinderprogramm hatten.
Ihr kennt Volkmar am Schreibtisch, rauchend handschriftlich Manuskripte verfassend, lesend inmitten seiner Bücher. Von denen zog er gleich fünf, sechs, wenn Ihr was Fachliches für die Schule oder einfach einen Krimi haben wolltet. Und er stand auf Spionageromane. Es gab ja auch den anderen Volkmar, den hattet ihr auf jeden Fall im Urlaub, Familie abseits von Arbeit und Engagement. Baden, Ausflüge ... und über all die Jahre hattet Ihr seine lautstark eifernden Flüche bei der 20Uhr-Tagesschau.
Ihr wisst, wir drei, also mit Claus-Dieter Schultze, sind jedes Jahr gewandert, egal, wo ihr wohntet, insgesamt 28mal. Für uns drei war das Erlebnis und Austausch und beste Freundschaft.
Volkmar war bekanntlich ein Feinschmecker. Ihr kennt ja seine innere Landkarte für gute Gastronomie … Nicht Butterbrot und Apfel steigerten deshalb unsere Wanderslust, sondern köstliche Gerichte in angenehmen Lokalen und nachmittags gerne Kirschtorte mit Sahne. Gelegentlich haben wir auch mal selbst gekocht, das erwies sich aber mit dem von Monikas Küchenkunst verwöhnten Volkmar als nicht zielführend. Ich wusste ja, wie fein Spargel schmeckt, damals aber noch nicht, dass man ihn vorher schälen muss. Habe noch schöne Butter zerlassen. Aber seine Miene, wie er dann aus dem üppig-vegetativen Bartbiotop heraus diese langen bitter-holzigen Faserbahnen zog … .Es war nicht immer leicht mit Volkmar!
Die Strecken hatte meistens ich ausgeguckt, grob geschätzt nach Wanderkarte. Oft lag ich drunter, mir als Jogger machten eine Handvoll km mehr als gedacht ja nichts, wohl aber diesem Dauerraucher. Einmal hatte ich mich so sehr vertan, dass wir den Rest per Anhalter versuchen mussten. Aber drei solche Hirten am Strassenrand – und im Gesicht von Volkmar und Claus-Dieter diese grauen Matten – da haben alle noch Gas gegeben. Wir sind peinlicherweise mit Taxi zum Quartier gefahren. Das war aber über der Werra die JH Burg Ludwigstein, früher Zentrum der Wandervogelbewegung, Kultstätte Hoher Meißner gegenüber, da sind wir lieber eine Kurve vorher schon raus und mit Stecken und Stab eingezogen. Seitdem überprüfte er meine Planung ziemlich scharf.

Die Worte tun
Volkmar lebte eine verantwortungsbewußte, bemerkenswert uneitle Art des Dienens. Das machte ja diesen ansagenden Typ zugleich so überzeugend und anziehend. Es fiel aber auch eine fast schon schroffe Trennung seiner persönlichen Welt von seiner öffentlichen auf. Eine ihn interviewende Moderatorin wollte mal zu all seiner engagierten Klarheit auch ein bisschen Human touch haben, ein Hobby, irgendwas mit Familie – da hätte er was bieten können, wer hat schon vier Kinder! – oder was von früher: Ich war schon als Kind lieber Räuber als Gendarm oder so. Nichts kam, die hat sich die Zähne an ihm ausgebissen!

Ich möchte noch versuchen, Euch zu erklären, was Volkmar – was uns – bewegt hat. Abstrakt – theologische Gedankengebäude ohne reale Konsequenzen waren Volkmar suspekt, ebenso wie beengende Formen von Frömmigkeit. Er war auf Praxis in der Gesellschaft aus. Und das ist gut biblisch! Der biblische Mose hält am Jordan eine große Rede und spricht über das unzugänglich Verborgene und über das verstehbar Offene (5. Mose 29.28, nach Buber-Rosenzweig):

Das Geheime ist bei IHM, unserem Gott,
das Offenbare ist bei uns und unseren Söhnen (Kindern)
für Weltzeit: alle Worte dieser Weisung zu tun!

Also: Solange wir sind, ist es unsere Sache, die Weisungen zu tun, also zu handeln. Das Verborgene Gottes ist Sein Geheimes, es ist und bleibt bei IHM. Unsere Sache ist nicht, über Gott Wortgebäude zu konstruieren. Wohl brauchen wir Worte, um uns über unseren Glauben zu verständigen. Aber wozu die Worte, wenn sie folgenlos bleiben, nicht in einen veränderten Lebensweg führen? Unsere Sache ist, alle Worte der Weisung zu tun, also dem Unfassbaren und uns zugleich so Nahen, mit unserem Leben zu antworten – so wie wir es jeweils können. So also die Bibel.
Unsere Antworten auf SEINE Weisung werden freilich Stückwerk bleiben, und sie enden wie jetzt bei Volkmar mit einem Nicht – „Wiedersehen in diesem Leben“. Die zu tuende Weisung ist die Wegweisung zu einem Gemeinwesen der Menschen, das uns und IHM gerecht wird. Diesen Weg in einer prophetisch-jesuanischen Orientierung am Gottesreich hat Volkmar glaubwürdig zu gehen versucht.

Und Ihr: „Haltet Euch wacker!“

Klaus Wiesinger